„Den ersten Partnern konnte ich nichts bieten außer Vertrauen in mich und mein Team“
15 Jahre ETL Prüfung & Beratung: CEO Christoph Tönsgerlemann im Interview
Der Fußball verband Christoph Tönsgerlemann und ETL-Gründer Franz-Josef Wernze von der ersten Minute an. Aus einer geplanten Stunde Gespräch wurden drei – und erst gegen Ende ging es um die eigentliche Aufgabe: den Aufbau einer eigenen ETL-Wirtschaftsprüfungsgruppe.
Heute, 15 Jahre später, zählt ETL Prüfung & Beratung rund 650 Mitarbeitende und 170 Wirtschaftsprüfer an 50 Standorten bundesweit. Mit der Strategie „One Firm“ rücken Gesellschaften und Standorte noch enger zusammen. Zum Jubiläum spricht CEO Christoph Tönsgerlemann über die Anfänge, die Herausforderungen beim Aufbau und das Vertrauen, auf dem die Entwicklung der Gruppe bis heute basiert.
Wir schauen auf das Jahr 2011 zurück: Wie sah „bei null anfangen“ damals aus?
Es gab keine Mitarbeitenden, keine Mandanten, keine Organisation, keine Prozesse und keine Tools. Aber es gab eine Vision.
Wie konkret war diese Vision?
ETL-Gründer Franz-Josef Wernze wollte nach dem Vorbild der ETL-Steuerberatungsgruppe eine ETL-Wirtschaftsprüfungsgruppe aufbauen. Dafür suchte er einen Unternehmer – jemanden, der nicht nur einen Businessplan aufstellt, sondern diesen auch mit eigenen Händen umsetzt. Er selbst war ein Vollblut-Unternehmer, der bereit war, auch persönlich ins finanzielle Risiko zu gehen. Gleichzeitig reichte ihm das persönliche Vertrauen zu einem Menschen, um ihm die Umsetzung einer seiner Ideen zuzutrauen. Dass er mir diese Aufgabe überlassen hat, empfinde ich bis heute als großes Privileg und als Vertrauensbeweis.
Wie lief euer erstes Gespräch ab und was hat ihn dabei überzeugt?
In unserem ersten Gespräch in Berlin habe ich mit Franz-Josef Wernze drei Stunden über Fußball gesprochen. In den letzten 15 Minuten hat er mich gefragt, wie ich die Vision umsetzen würde. Meine Antwort war: Ich fahre zu den bereits vorhandenen Kolleginnen und Kollegen an die Standorte und lasse mir erklären, wie sie bisher ihre Arbeit machen. Das hat ihn beeindruckt. Später hat er mir erklärt, dass andere Kandidaten zuerst ein Konzept erarbeiten und dieses dann den Kolleginnen und Kollegen zur Umsetzung präsentieren wollten.
Was hat dich an dieser Aufgabe gereizt?
Ich habe meine Ausbildung zum Steuerfachangestellten bei einem Steuerberater in einer Einzelkanzlei absolviert. Mein Chef hat seine Kanzlei selbst aufgebaut. Seit dieser Zeit hat es mich immer gereizt, ein eigenes Unternehmen aufzubauen. Mit der Unterstützung von ETL konnte ich natürlich größer denken. Die Möglichkeit, eine große mittelständische Professional Service Firm mit eigenen Händen aufzubauen, war für mich unglaublich spannend.
Wolltet ihr etwas bewusst anders machen als andere Marktteilnehmer?
Wir wollten die DNA der ETL-Gruppe auch in das neue Projekt übertragen. Diese DNA ist geprägt von der unternehmerischen Entfaltung der Partner, insbesondere durch das Teilen von Chancen und Risiken. Uns war wichtig, den Partnern auf Augenhöhe zu begegnen. Und wir wollten nachhaltig sein – in dem Sinne, dass nicht die jährliche Vergütungsmaximierung im Vordergrund steht, sondern der nachhaltige Wertzuwachs des Unternehmens.
Was waren typische Stolpersteine beim Aufbau der Gruppe?
Ich musste zunächst lernen, die ersten Jahre ohne die Infrastruktur auszukommen, die ich aus meiner bisherigen beruflichen Laufbahn kannte – insbesondere aus meinen neuneinhalb Jahren bei einer Big4-Gesellschaft. Das zeigte sich zum Beispiel bei Angeboten, für die man lange nach einem passenden Team suchen musste. Oder bei der ersten komplexen Fachfrage, deren Antwort man selbst erarbeiten musste, statt sie an die Grundsatzabteilung weiterzuleiten. Und natürlich beim ersten Mandat, das öffentliche Wahrnehmung erzeugte und dessen Mandatsführung man allein verantwortete.
Wie habt ihr die ersten Partner überzeugt, Teil der Gruppe zu werden?
Vertrauen ist hier das Stichwort. Den ersten Partnern konnte ich nichts bieten außer dem Vertrauen in mich und mein Team – und der Zusage, dass wir uns um unsere Partner kümmern. Offensichtlich haben die Partner mir in den ersten Jahren einen Vertrauensvorschuss gegeben. Sie wussten, dass ich noch keine große Infrastruktur im Rücken hatte. Und mit jedem Monat wurde das Team größer, auf das sich dieses Vertrauen übertragen hat. Aus der Zeit vor 15 Jahren sind heute noch Kolleginnen und Kollegen bei uns, die mit großem persönlichem Engagement das Vertrauen der Partner gewonnen haben.
Wann hattest du zum ersten Mal das Gefühl: Wir sind auf dem richtigen Weg?
In der Anfangsphase zwischen 2011 und 2013 haben wir mit einem kleinen Team einerseits den Ausbau der Gruppe durch die Beteiligung an Professional Service Firms vorbereitet. Gleichzeitig konnten wir bereits größere Mandate in der Abschlussprüfung und Beratung für uns gewinnen. Diese Mandatsgewinne und die Überzeugung neuer Partner waren immer wichtige Momente.
Ein wichtiger Meilenstein war auch die Erteilung des Peer Reviews Ende 2011. Dabei wird von unabhängigen Berufskollegen geprüft, ob eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ihre Prüfungen fachgerecht und nach den geltenden Qualitätsanforderungen durchführt. Grundlage dafür ist ein entsprechendes Prüfungsmandat. Meine sehr geschätzte Kollegin Hille Behrens überführte damals das erste Mandat in die damalige ETL GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft und gab damit den berufsrechtlichen Startschuss für unsere Prüfungstätigkeit.
Nach der Markteintrittsphase von rund zehn Jahren haben wir 2021 gemerkt: Wir haben eine Strategie und eine Vision für die nächsten zehn Jahre und können organisch stark wachsen. Da war mir klar: Wir sind auf einem sehr guten Weg.

ETL Prüfung & Beratung geht den Weg zu „One Firm“. Was braucht es, damit aus einzelnen Gesellschaften und Standorten eine Gruppe wird?
One Firm bedeutet für mich, dass wir uns über alle Gesellschaften mit denselben Werten und derselben Strategie identifizieren. Wir wollen einheitlich auftreten, unsere gesamte Expertise gemeinsam in den Markt bringen und unsere Stärken bündeln. Dafür müssen wir über Gesellschafts- und Standortgrenzen hinweg enger zusammenarbeiten und gemeinsame Projekte umsetzen. So entsteht eine integrierte Professional Service Firm, die ihren Mandanten Leistungen aus einer Hand anbieten kann. Entscheidend dabei ist, Vertrauen aufzubauen, Vertrauen auch mal stressen zu können und daran weiterzuarbeiten, dass es wächst.
Einige Beteiligungen sind nun seit über zehn Jahren bei uns. Wir haben Erfolge gemeinsam gefeiert und auch Niederlagen eingesteckt. Unsere Mitarbeitenden erleben seit über vier Jahren gemeinsame Newcomer Days, Führungskräfte-Formate und One-Firm-Events. Insofern haben wir eine lange Pre-Merger-Integration schon hinter uns. Das wird uns in den nächsten Jahren sehr helfen.
Wie sieht der nächste Schritt auf dem Weg zu One Firm aus?
Der letzte strategisch wichtige Schritt ist noch recht jung. Wir haben im Sommer 2026 entschieden, dass wir die One-Firm-Strategie weiterentwickeln werden und daher zum 1. Januar 2027 die ETL AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Steuerberatungsgesellschaft mit einer ersten Beteiligung fusionieren werden.
Das Angebot gilt ab Januar 2027 für alle weiteren Beteiligungen, das Geschichtsbuch von ETL One Firm gemeinsam mit uns zu schreiben. Ich bin mir sicher, dass dies eine sehr wichtige Weichenstellung für die Zukunft sein wird.
Gibt es einen Grundsatz aus den Anfangsjahren, bei dem du auch heute noch sagen würdest: Genau deshalb funktioniert ETL Prüfung & Beratung?
Unser Dreiklang „unternehmerisch, partnerschaftlich, nachhaltig“ ist auch heute noch relevant. Aus ihm ist „Transformationsfreude“ gewachsen: Wer die Zukunft im Blick hat, persönliche Risiken einzugehen bereit ist, anderen auf Augenhöhe begegnet und Veränderungen zulässt, ist in Summe transformationsfreudig. Für mich beschreibt das sehr gut die Haltung, mit der wir die nächsten Jahre gestalten wollen.
Woran würdest du künftig erkennen, dass ihr die richtigen Entscheidungen getroffen habt?
Wenn wir in zehn Jahren weiterhin eine Professional Service Firm sind, die von ihren Partnern als Gesellschaftern getragen wird, wenn neben den Berufsträgern auch Expertinnen und Experten als Gesellschafter im Unternehmen Verantwortung übernehmen und insbesondere das Thema Technologie vorantreiben, und wenn wir weiterhin motivierte Menschen finden, die als Nachfolger bereitstehen, dann haben wir bis dahin sehr viele richtige Entscheidungen getroffen. Dazu gehört auch, unsere Strategie dort, wo es notwendig ist, flexibel weiterzuentwickeln.

